VOLUMINA, LICHTER, BLICKWINKEL, INSZENIERUNG… SIE SIND MITTEN IM WERK

Für ihre erste Einzelausstellung in Frankreich stellt Thea Djordjaze etwa sechzig Werke zusammen, die sie seit 1993 geschaffen hat und anhand derer sie in den Räumlichkeiten des Museums eine intuitive Erfahrungswelt offenbart.

Thea Djordjazes künstlerisches Schaffen umfasst seit über zwanzig Jahren Skulpturen und ihre Installation. Sie bringt sie in ein feines Verhältnis zum Raum und zur Architektur des Ortes, der sie aufnimmt. In Vorrichtungen und Schaukästen befinden sich Objekte aus Gips, Schaumstoff, Textilien, Holz oder Glas, gefundene, abgeänderte und erweiterte Gegenstände – Gitter, Vitrinen, Regale –, die ihre ursprüngliche Funktion verloren haben. Andere Skulpturen, oft aus Metall, werden in ihrer Gesamtheit im Atelier entworfen und übernehmen ein Fragment eines modernistischen Gebäudes oder bilden einen Buchstaben des georgischen Alphabets dreidimensional nach. Die Werke werden harmonisch hier und da im Raum verteilt und ergeben ein langes Gedicht, in dem die Materialien in Schichten miteinander in Dialog treten, einer Vergangenheit nachgehen und im Ausstellungsraum in einem neuen Licht erscheinen.

Für die georgische Künstlerin, die seit 2003 in Berlin lebt, bedeutet jede Ausstellung eine Umgestaltung, eine neue Lesart und Zusammenstellung von Werken, die für andere Orte entworfen wurden. Ihre Installationen beschäftigen sich in einem veränderten Kontext mit Objekten, Gebäuden, Möbeln, handwerklichem Können und Techniken, welche Spuren der Geschichte aus Gebieten, Sprachen und Traditionen eines erweiterten Europas tragen.  

Anfang der 2000er Jahre wurde es Thea Djordjaze klar, dass Malerei, die den Blick des Betrachters auf einen einzigen Punkt richtet, nicht mehr ausreicht, um die Welt zu umfangen. Die Installation ermöglicht ihr, eine freie Erfahrung ins Spiel zu bringen, die auf der unmittelbaren Wahrnehmung der Wechselwirkungen zwischen den inszenierten Objekten, den Raumvolumina, dem Licht, den Blickpunkten von einem Raum in den anderen, dem Dialog zwischen den Materialien und der Architektur des Ortes beruht. Kurzum, der Betrachter ist „im“ Werk.

In Saint Étienne erscheint ihr der Raum des Museums, über den sie verfügen kann, mit seinen fünf Sälen, 650 m², einer Deckenhöhe von teils über 8 Metern und seinem gewollt neutralen, nüchternen „white cube“-Aspekt, dennoch fragil. Die sechzig zwischen 1993 und 2021 geschaffenen Kunstwerke entsprechen einer Form von „Dringlichkeit“, welche hier ihre Wahl eines aufgerollten Teppichs, eines riesigen metallischen Paravent oder Spiegelwänden aus poliertem Aluminium bedingt. Thea Djordjadze entwirft die Ausstellung gänzlich vor Ort, in einer Art Unbeständigkeit, wobei es ihr darum geht, in der Installation mit sehr subtilen Gesten die Stofflichkeit der Materialien zu aktivieren, die Geschichte der Objekte hervorzuheben und dem Ort in Saint Étienne eine ganz eigene, neue Energie zu geben.

Der im Mai 2022 erscheinende Ausstellungskatalog
 

DIE KÜNSTLERIN

Thea Djordjadze wurde 1971 in Tiflis geboren. Sie machte 1995 ihren MFA-Abschluss an der Academy of Fine Arts in der georgischen Hauptstadt, das heißt zwei Jahre nach Ende des Bürgerkriegs. Sie studiert dann an der Gerrit Rietveld Akademie in Amsterdam und wird gleichzeitig 1998 in der Klasse von Rosemarie Trockel an der Kunsthochschule Düsseldorf aufgenommen, die sie 2001 erfolgreich abschließt. Zwischen 1999 und 2003 performt sie im Kollektiv hobbypopMUSEUM. Dramaturgie und Inszenierung bleiben wesentlicher Bestandteil ihrer Installationen. Unter den großen internationalen Ausstellungen, an denen sie teilgenommen hat, zitieren wir: 2008, die Biennale in Berlin, 2012, die Documenta 13 in Kassel, die Biennalen in Venedig von 2013 und 2015. Ihre letzten Einzelausstellungen fanden 2021 im Martin-Gropius-Bau in Berlin, 2019 im Kunstmuseum Winterthur und 2018 im Portikus in Frankfurt statt. Einige ihrer Werke befinden sich in internationalen öffentlichen und privaten Sammlungen (Berlinische Galerie und Boros Collection, Berlin, Migros Museum, Zürich…), sowie in Frankreich (regionale öffentliche Sammlungen: die FRAC der Bourgogne und der Loire-Gebiete). Sie wird von der Galerie Sprüth Magers vertreten (Berlin, London, Los Angeles), Kaufmann Repetto (Milan, New York), Meyer Kainer (Wien, Österreich), Take Ninagawa (Tokyo).

KURATORIN

Aurélie Voltz
Leiterin des MAMC+

650 m2

Über 60 Werke

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