Zeichnung am Rande der Abstraktion

Entdecken Sie die eigenwillige Herangehensweise Léa Belooussovitchs in etwa dreißig Freihandzeichnungen mit Farbstiften auf weißem Textilfilz. Die Künstlerin schafft dabei Interpretationen von Gewaltfotos aus den Medien, Bilder, die in langen Schaffensprozessen entstehen. Diese Vorgehensweise verleiht den Fotos neues Leben, sie bringen das Menschliche, das darin steckte, deutlicher zum Vorschein.

 

Die Zeichnungen von Léa Belooussovitch entstehen alle in gleicher Weise. Sie beginnt damit, in der Presse oder im Internet Bilder auszusuchen, die täglich auf uns niederprasseln und mit dramatischer Aktualität zusammenhängen: Attentate in Pakistan, Kriegsszenen aus Syrien… Die Künstlerin konzentriert sich auf die Darstellung der anonymen Opfer, Verletzten oder Verletzlichen. Léa Belooussovitch unterzieht die Ausgangsbilder diversen Manipulationen (veränderte Ausschnitte, Vergrößerungen), bevor sie sie auf Filz überträgt. Das langsame und wiederholte Zeichnen mit Farbstiften verändert die weiche, glatte Grundlage und gibt dem Ganzen ein flaumiges Volumen.

Die Formen, die sich daraus entwickeln, sind farbige Lichtkreise, die die Ursprungsszene unkenntlich machen. Mit dem Übergang vom Pixel zum Pigment wird aus dem Bild mit klaren Umrissen eine unscharfe Zeichnung, die das dargestellte Leiden unter ihrer Oberfläche zu halten und zu mildern scheint. Der Titel jeder Zeichnung verankert das Werk dennoch in der Realität, in einer Stadt, einem Land oder zum angegebenen Zeitpunkt einer Tragödie. Der weiße Streifen Filz, der am oberen Rand der Zeichnung unbearbeitet bleibt, suggeriert, dass das Ursprungsfoto anders zentriert war.

Léa Belooussovitch verwischt Grenzen und Anhaltspunkte, bringt Distanz zur Gewalt und hinterfragt unsere Beziehung zur Information, zum Voyeurismus, wobei sie gleichzeitig an unsere Vorstellungskraft appelliert. Die ästhetische, sensible, ja sinnliche Art ihrer Zeichnungen versteckt fast schamhaft aber sanft die Anwesenheit/Abwesenheit des Menschen, der den Gräueln und Wirren unserer Zeit ausgesetzt ist. Ihren eigenen Worten zufolge soll der Ansatz zeigen, wie sehr „die Gewalt der Information die Oberhand über das Menschliche gewonnen hat, das das Ereignis doch beinhaltet“.

Léa Belooussovitch wurde im Rahmen der zehnten Vergabe des Preises der Partner eingeladen. Das Museum verleiht den Preis, der von Mäzenen getragen wird, jedes Jahr an einen jungen Künstler.

Die Künstlerin

Léa Belooussovitch wurde 1989 in Paris geboren, sie lebt und arbeitet in Brüssel. 2014 hat sie die Kunsthochschule ENSAV La Cambre in Brüssel im Fach Zeichnung abgeschlossen. Man kann ihre Arbeit in öffentlichen und privaten Sammlungen vorfinden. Sie wird von der Galerie Paris-Beijing, Paris, vertreten.

Mehr lesen: http://www.leabelooussovitch.com/

Kurator

Alexandre Quoi
Leiter des wissenschaftlichen Departments des MAMC+

Katalog

Künstlerbuch von Léa Belooussovitch. Feelings on felt
Zusammen mit The Drawer herausgegeben. 100 Seiten. Preis: 23 Euro.

Veröffentlicht im März 2021.

ETWA 40 ZEICHNUNGEN

Ein langsamer und repetitiver Vorgang

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