ERSCHÜTTERNDE ZEICHNUNGEN NACH FOTOVORLAGEN AUS ARCHIVEN

Éric Manigauds Themen stammen aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts, er behandelt auch wenig bekannte Ereignisse. In der Ausstellung finden Sie an die sechzig Zeichnungen, die nach Fotovorlagen aus Archiven gefertigt wurden und kollektive Erinnerungen mit viel Sensibilität ansprechen.

Der Besucher wird gleich im ersten Raum mit dem Ausgangsmaterial von Éric Manigauds Kunst bekannt gemacht. Originale aus Archiven hängen neben medizinischen Tafeln, Fotoplatten und Zeitschriften. Zeichnungen, die Wasser, Erde, oder Wurzeln in Großansicht zum Thema haben, führen den Besucher gleich mitten in eine organische Welt. Er verliert sich in bauschigen Grautönen, im Glanz des Graphits, in der Beschaffenheit des Papiers, wobei sich all das in dem dargestellten Gewebe vermischt. 

Die Geschichte des letzten Jahrhunderts besteht aus vielen anonym Gebliebenen und erscheint im nächsten Raum: ein ermordetes Paar, japanische Frauen mit verbrannten Rücken, Menschen am Boden, entleerte Räume nach einem Drama… Der Künstler übernimmt fotografische Dokumente in vergrößertem Format. Er überträgt schwer zu betrachtende, fast unerträgliche Szenen auf Menschengröße. So entsteht eine körperliche Konfrontation mit Bildern, die in ihrer Zeit oft der Zensur unterlagen oder geheim waren, vielleicht damit sie letztendlich akzeptiert werden.

Éric Manigaud gelingt der Übergang vom Foto zur Zeichnung mit einer ganzen Palette an Fettstiften und Graphitpulver. Mittels der Projektion des vergrößerten Bildes auf Papier schraffiert er es dann Quadratzentimeter nach Quadratzentimeter. Diese Vorgehensweise „neutralisiert“ das Bild und schafft Abstand zum Trauma der Vergangenheit.

Die Serie Magde Donohoe, die den Namen eines australischen Mediums der 30er Jahre trägt, steht im Mittelpunkt der Ausstellung. Das Medium trat mit dem Jenseits in Kontakt, indem sie ihr Gesicht an eine Fotoplatte presste. Die Zeichnungen Éric Manigauds haben plötzlich eine befreiende Kraft, die sie aus dem Unbekannten schöpfen.

Menschen aus den vorhergehenden Räumen, die wie Gespenster erschienen, Kriegsversehrte, Gefangene mit Blicken am Rande des Wahnsinns, Gesichter voller Entsetzen bei einer Verhaftung, verwandeln sich nun in Besiegte, die ein bitteres Gefühl der Melancholie hinterlassen.

Der Künstler

Éric Manigaud wurde 1971 geboren, er lebt und arbeitet in Saint-Étienne und stellt seine Arbeiten regelmäßig in Frankreich und im Ausland aus. Öffentliche und private Sammlungen haben seine Werke erworben. Er wird von der Galerie Sator, Paris, der Galerie C, Neuenburg (Neuchâtel) und der Fifty One Gallery, Antwerpen, vertreten.

Mehr lesen : https://galeriesator.com/eric-manigaud-oeuvres

Kuratorin

Aurélie Voltz
Direktorin von MAMC+

Katalog

Éric Manigaud, La mélancolie des vaincus [Die Melancholie der Besiegten]
Texte von Aurélie Voltz, Jean-Christophe Bailly und Philippe Dagen. Zweisprachig, französisch und englisch. Herausgegeben von Snoeck Publishers, den Galerien C, Fifty-One und Sato. 100 Seiten. ISBN 9789461616289. Preis: 25 Euro.

Etwa  60 Zeichnungen

KÖRPERLICHE KONFRONTATION MIT DEM BILD

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